„Das Bild kam zu mir“ 

Ein Kunstwerk zu kopieren, eröffnet ganz andere Zugänge zu dessen Schöpfer und Zeit. Für die Elftklässler der Waldorfschule Bexbach drehte sich im letzten halben Jahr alles um die Maler der Moderne und sie schufen in der Zeit beeindruckende Bilder.
Vorgestellt wurden diese in einer Ausstellung.
Damit rechnet man ja nicht unbedingt: auf einen frisch gemalten Dalí oder Renoir zu treffen. Von Kandinsky und Eugene Delacroix, Picasso
und Liebermann, Franz Marc und van Gogh ganz zu schweigen – um nur mal die populärsten zu nennen. Eine wirklich illustre Schau mit
zum Teil täuschend ähnlichen Kopien großer Werke stand im Mittelpunkt dieses Epochenabschlusses der Klassenstufe 11, der an der
Waldorfschule Bexbach traditionell mit einer Abendveranstaltung gefeiert wird. „Inhaltlich haben wir uns mit der Malerei im Umbruch zur
Moderne auseinandergesetzt, dem Schritt vom 19. in das 20. Jahrhundert – einem der radikalsten Umbrüche in der Gesellschaft in der
Menschheitsgeschichte“, erläuterte Fachlehrer Joachim Karsten. Im Zuge der industriellen Revolution spielten Wissenschaft, Technik und
Industrie eine immer größere Rolle, was drastische Auswirkungen in allen Lebensbereichen mit sich brachte. „In der Malerei lösten sich die
Künstler immer mehr aus den Bindungen der Tradition.“ Einen entschiedenen Anfang machten die Impressionisten, danach wurden die Wege immer persönlicher und radikaler.

Paris war damals das Zentrum vieler dieser Umwälzungen. Dank einer Klassenfahrt an die Seine konnten die Schüler einen Eindruck davon 
gewinnen. Danach galt es, sich ein Bild aus dieser Zeit auszuwählen, sich vollkommen selbstständig damit zu befassen und, ebenfalls in 
Eigenregie, eine Nachbildung anzufertigen. „Viele verzweifelte Stunden“ habe sie im Malstübchen verbracht, bekannte Emma Freyer, die 
sich für William Turners „Fischer auf See“ entschieden hatte („Es war Liebe auf den ersten Blick.“). Allein für die vom Vollmond 
beschienene Wasserfläche mit ihren Blau- und Grauschattierungen und der leichten Gischt auf den Wellenkämmen benötigte die Schülerin 
„vier bis fünf“ Anläufe. Wie Emma hatten ihre 23 Mitschüler einen kleinen Vortrag mit biographischen Eckdaten der Künstler vorbereitet.
So erfuhren die Zuhörer unter anderem, dass Gustave Courbet – „ich bin der stolzeste und arroganteste Mensch Frankreichs“ – politisch 
aktiv und als Stadtrat tätig gewesen ist, dass Auguste Renoir 6000 Ölgemälde hinterlassen hat oder Wassily Kandinsky 1866 in Moskau als 
Sohn eines Teehändlers zur Welt gekommen war. Nicht minder spannend war es zu erfahren, warum sich die Jugendlichen für ein bestimmtes
Bild entschiedene hatten. Etwa beim Anschauen der US-Serie „House of Cards“: „Das Bild kam zu mir“, erzählte Tim Frötschel über Childe 
Hassams „The Avenue in the Rain“ – ein Ölgemälde, das John F. Kennedy im Schlafzimmer und später unter Clinton und Obama im Oval Office gehangen hatte.

Auch die angewandten Techniken kamen zur Sprache. Désirée Braun hatte beispielsweise mit einem 
Küchenschwamm gearbeitet, Selina Ostheimer ihre Leinwand mit Linien in kleine Abschnitte eingeteilt und so häppchenweise Max 
Liebermanns „Allee in Overveen“ reproduziert – innerhalb von 50 Arbeitsstunden. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht 
sichtbar“, soll Paul Klee geäußert haben. Dass sie zudem junge Menschen an ihre Grenzen und darüber hinaus führt, könnte man - als 
Essenz dieses anregenden Abends - hinzufügen.