Nachrichten und Presse 

Glitzerwelt und bittere Erkenntnisse

Bochumer Theater Total begeisterte an der Bexbacher Waldorfschule mit einer modernen Interpretation des "Menschenfeind"

Bexbach. "Du hast schon Recht, ich bin nicht mehr zu retten", lässt David Jentgens Alceste schon gleich zu Beginn von Molières "Der Menschenfeind" sagen. Bis das Gesagte allerdings zur bitteren Erkenntnis wird, verliert der Menschenfeind nicht nur seine Geliebte, die Promtalk-Diva C&;limène (Julie Wassermeyer), sondern auch einige Gerichtsverhandlungen und Reibereien. Am Ende kehrt sich die Hauptfigur des Molière-Stücks in der Übersetzung von Hans-Magnus Enzensberger und der Aufführung des Bochumer Theater Total von der Welt ab und "seiner Wüste" zu. "Denn letztendlich braucht der Gesellschaftskritiker eine Gesellschaft, an der er sich profilieren kann", heißt es im Programmheft über Molières Menschenfeind.

Seit Mitte April tourt die Theatergruppe damit durch Deutschland. Jetzt gab sie zwei Gastspiele in der Freien Waldorfschule Saarpfalz in Bexbach. Dort begeisterten die 21 Jugendlichen um Regisseurin, Schauspielerin und Theater Total-Erfinderin Barbara Wollrath-Kramer nicht nur wegen ihrer herausragenden schauspielerischen Leistungen, sondern auch wegen des besonderen Konzepts, mit dem sich Theater Total im Laufe der zurückliegenden sieben Jahre einen Namen gemacht hat. "Der Mensch muss dort einen Beruf finden, wo er eine Begabung hat", ist Wollrath-Kramer überzeugt. Ihr scheint dies mit Theater Total gelungen zu sein. Sie habe jungen Menschen dabei behilflich sein wollen, herauszufinden wo ihre Begabungen liegen, was sie wirklich einmal tun wollen, beschreibt sie ihre zündende Idee zur Gründung von Theater Total.

Mit Jugendlichen auf Tournee

Realisiert wird das im Herbst 1996 ins Leben gerufene Projekt, in dem sich professionelle Schauspieler, Regisseure, Tänzer und andere (nicht nur) Kunstschaffende zusammengeschlossen haben, um neun Monate lang mit Jugendlichen ein Theaterstück einzuüben und damit auf Deutschland-Tournee zu gehen.

"Die Vorbereitungen dafür betreffen keineswegs nur den künstlerischen Bereich. Es geht unter anderem auch darum, Leute aufzutreiben und anzusprechen, die uns finanziell dabei unterstützen. Auch dazu braucht man sehr viel Mut. Aber auch das motiviert", weiß Wollrath-Kramer. 1996 habe sie mit nichts angefangen, kein Geld, keinen Raum, keine Leute zur Umsetzung ihrer Idee gehabt. Um die Finanzen müssen sie und ihre Mitstreiter sich auch heute immer wieder aufs Neue kümmern. Auf dem Gelände einer Bochumer Firma hat die Theatergruppe inzwischen Probenräume und eine Aufführungshalle. Ab Oktober jedes Jahres übt dort die jeweils neue Gruppe. 24 waren es diesmal ursprünglich, 21 sind dabei geblieben. Zwischen 17 und 27 Jahren alt sind die jungen Frauen und Männer, die sich für das neunmonatige Theater-Total-Projekt entscheiden. Am 11. April hatten sie mit Molières Menschenfeind in der Performance-Halle-Eickhoff in Bochum Premiere. Am 13. Juli wird das Stück zum letzten Mal aufgeführt.

In "Le misanthrop" aus dem Jahre 1666 (deutsch: 1746) porträtierte Molière, mit bürgerlichem Namen Jean Baptiste Poquelin (1622 bis 1673), die höfische Gesellschaft. Eine Entsprechung dazu böten heute die Unterhaltungsmedien, so die Theater Total-Macher. Denn auch dort bestimmten vor allem egoistische Oberflächlichkeit, manipulative Beiträge und Ellenbogen über Auf- und Abstieg. So lässt die Theatergruppe Molières Menschenfeind Alceste "nach allen Seiten mit schonungsloser Kritik um sich schlagend durch die Welt der Reichen und Schönen des heutigen Showbiz toben" Undiplomatisch prangere er dabei an, was im Grunde klar sei: "Klatsch, Snobismus, Neid, Gier, Hochmut und Intrigen prägen das Bild der Gesellschaft". Und schon dadurch, dass wir uns täglich von der Glitzerwelt der Medien blenden ließen, ohne über das Gesehene nachzudenken, spielten wir das Spiel der Gesellschaft mit.

Bühnenbild und Organisation

Vor seiner Zeit bei Theater Total habe er sich gewünscht, Schauspieler und berühmt zu werden, gesteht Vincenz Belser aus Walsheim und ehemaliger Bexbacher Waldorfschüler ganz ungeniert. Inzwischen weiß der gelernte Tischler, dass ihm gar nicht so viel daran liege, auf der Bühne zu stehen. Unter anderem in der Rolle des Acaste übernahm zwar auch er seinen Part beim Menschenfeind, daneben aber baute er das Bühnenbild und organisierte die insgesamt 38 Etappen umfassende Deutschland-Tournee. Noch ist der 21-Jährige mit Leib und Seele bei dem Theater Total-Projekt. Und mindestens zwei wichtige Dinge sind ihm jetzt schon klar: "Eine so intensive Zeit habe ich bis jetzt noch nicht erlebt." Außerdem wisse er nun, was er beruflich wolle. "Ich will Betriebswirt werden." id

Quelle: Saarbrücker Zeitung


Zurück zur Übersicht

 
 
 

HomeAktuell | SchuleProjektePädagogikKindergartenGästebuch | Downloads
SucheLinksImpressumKontaktLogin

Freie Waldorfschule Saar-Pfalz, Bexbach
Parkstraße, 66450 Bexbach
info@waldorfschule-bexbach.de