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Nachrichten und Presse
Waldorfschule – was ist das?
Eine Waldorfschülerin beschreibt ihre Schule
Waldorfschule – was ist das? Das ist die häufigste Frage, die ich gestellt bekomme, sobald das Thema Schule angesprochen wird. Also: Zunächst ist die Waldorfschule eine völlig normale Schule, wie jede andere auch. Lernen muss man schließlich überall, um einen vernünftigen Abschluss zu bekommen. Anfang dieses Jahrhunderts gegründet, war die Waldorfschule zunächst für die Kinder der Arbeiter der Zigarettenfabrik „Waldorf Astoria“ im Stuttgarter Raum bestimmt. 1922 gründete Rudolf Steiner, Menschenfreund und Philosoph, die erste „richtige“ Waldorfschule in Stuttgart, um Kindern aller Konfessionen und Herkunft eine gute Schulbildung zu bieten. Dabei spielen die Pädagogik und frühkindliche Erziehung eine wesentliche Rolle. So werden in den unteren Klassen die Kinder stark in den Rhythmus eingebunden. Man beginnt den Unterricht um 8 Uhr mit einem Morgenspruch, und bereits nach dem ersten Schuljahr erhält jedes Kind ein Gedicht dem Zeugnis beigefügt, das es im darauffolgenden Jahr an dem Wochentag, an dem es geboren ist, aufsagt. Sonntagskinder bleiben nicht verschont, sondern müssen an einem anderen Tag der Woche ihrer Pflicht nachkommen. Dieses Gedicht, Zeugnisspruch genannt, wird vom Klassenlehrer so ausgesucht, dass es dem Wesen des Schülers entspricht. Der wesentliche Unterschied zu anderen Schulen ist die achtjährige Klassenlehrerzeit: Man durchläuft die erste bis zur achten Klasse, ohne die Schule zu wechseln und hat die ganze Zeit denselben Klassenlehrer, den man jeden Morgen für zwei Stunden, im sogenannten Hauptunterricht, hat. Der Name sagt es schon: In dieser Zeit werden Hauptfächer wie Mathe, Deutsch, Geschichte, Geographie, Biologie, Chemie und Physik vom Klassenlehrer unterrichtet. Diese Hauptfächer finden über einen längeren Zeitraum von zwei bis vier Wochen als Epochenunterricht statt. An diese zwei Stunden fügen sich die Fachstunden wie Französisch, Englisch, Religion oder Sport an. Im Vierzehntagewechsel findet auch samstags Unterricht statt, was zwar kritisiert wird, den Rhythmus aber besonders für die kleinen Schüler sichert. Waldorfschüler können die gesamte Schulzeit in ihrer Schule bleiben. Nach der zehnten Klasse kann man den Hauptschulabschluss machen, nach der zwölften den Realschulabschluss und am Ende der 13. Klasse wird das Abitur absolviert. Rudolf Steiner achtete sehr darauf, dass auch der künstlerische Bereich zum Unterricht gehört. So kommt es, dass ab der ersten Klasse im Stundenplan Malunterricht vorgesehen ist, sowie Formenzeichnen, das man mit den derzeit boomenden Mandalas vergleichen kann. Außerdem wird den Kindern Eurythmie – eine Bewegungskunst, bei der man Wort und Musik in gelaufenen Formen und Bewegungen der Arme ausdrückt – unterrichtet. In der dritten Klasse wird mit Pflug und Pferd das Feld gepflügt, es wird Getreide angebaut und später zum Brotbacken verwendet. In der dritten Klasse ist die Hausbauepoche: Die Kinder bauen mit ihrem Klassenlehrer ein Häuschen aus Holz und Lehm. Ab der sechsten Klasse erhalten die Schüler Unterricht in Handwerken und Gartenbau. Ab der neunten Klasse wird der Handwerksunterricht mit Zeichnen, Schneidern, Spinnen, Weben, Töpfern, Korbflechten und Schreinern fortgesetzt. Auch auf den musischen Bereich wird viel Wert gelegt. Zu Beginn der Schulzeit erhalten alle Kinder eine Flöte und jeden Morgen wird im Hauptunterricht geflötet. Dies ist die musikalische Früherziehung, die, wenn man sie kontinuierlich weiterführt, zu wissenschaftlich erwiesenen Fortschritten im Lernprozess, im sozialen Miteinander und zum Abbau von Aggressionen führt. Das musische und künstlerische Schaffen zieht sich durch die gesamte Schulzeit. Anfang der elften Klasse wird von jedem Schüler ein Werk eines berühmten Malers nachempfunden. Das ganze zwölfte Schuljahr beschäftigt die Schüler ihre Jahresarbeit, ein beliebiges Themengebiet, das theoretisch oder praktisch-künstlerisch umgesetzt werden kann. Dies ist der Waldorfabschluss, der außer dem Abitur die wichtigste Rolle spielt. Der Grundstein der Waldorfpädagogik ist die Persönlichkeitsentwick-lung. Was in der Unter- und Mittelstufe in geordneten Bahnen durch den Klassenlehrer verläuft, endet in der Oberstufe mit Selbstständigkeit. Das kleine Kind wird behütet in die Schulwelt aufgenommen und es darf Kind sein nach Herzenslust. Ganz bewusst gibt man ihm Zeit, sich zu entwickeln ohne Notendruck, das heißt, dass Zeugnisse bis zur zehnten Klasse nur in schriftlicher Form als Beurteilung verfasst werden. Es wird an das freiwillige Lernen appelliert. Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört auch das Klassenziel der achten Klasse, das Aufführen eines Theaterstückes. Ein weiteres wird in der zwölften Klasse auf die Bühne gestellt. Auch die Praktika kommen nicht zu kurz. Zu Beginn der neunten Klasse führt die ganze Klasse für etwa drei Wochen auf einem Bauernhof ein Landwirtschaftspraktikum durch. Anfang der zehnten Klasse findet das Vermessungspraktikum und Mitte des Jahres das Handwerkspraktikum statt. In der elften Klasse folgt das Sozialpraktikum. Die Waldorfschule ist keine staatliche Schule, sondern wird größtenteils von Geldern der Eltern und einer staatlichen Unterstützung finanziert. Eine Elite-Schule ist sie nicht. Auch finanziell schwächer gestellte Familien können ihre Kinder in die Waldorfschule schicken, indem sie einen kleineren Schulgeldbetrag zahlen. Andere Familien, die einen höheren Betrag verkraften können, finanzieren dies mit. Die Waldorfschule, beziehungsweise das Projekt Waldorf, ist über die ganze Welt verteilt – etwa in Namibia, Südamerika und im Nahen Osten. Und überall wird versucht, den Kindern eine schöne Schulzeit zu bieten.
Quelle:
Katharina Rathmann
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