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die Ackerbauepoche
in der dritten Klasse


„Wir pflügen und wir streuen“

Um das zehnte Lebensjahr, in der dritten Klasse, durchleben die Kinder eine Entwicklungsphase, in der das selbstverständliche Sich-Verbunden-fühlen mit der Welt abreißt. In dieser Zeit empfindet das Kind häufig eine große Verunsicherung in seiner Beziehung zum Mitmenschen und zur Umwelt. Einsamkeitsgefühle und Ängste stellen sich ein.




In diese Lebenszeit – vom Anfang der dritten bis in den Anfang der vierten Klasse hinein – spannt sich die Landpauepoche. In ihr erleben die Kinder im Durchgang durch alle vier Jahreszeiten die Elemente Erde, Wasser, Licht, Luft und Wärme. Sie erarbeiten sich diesen Zusammenhang aktiv - mit ihrem Leib, ihrer Seele und ihrem Geist - an einer Urtätigkeit des Menschen: dem Ackerbau.




Am Beispiel des Roggens, des Brotgetreides, durchlaufen die Kinder den ganz Gang von der Bodenbearbeitung bis hin zum Backen des Brotes.


Eine Klassenlehrerin erzählt:

Als wir unseren Schulacker zum Beginn der dritten Klasse aufsuchten, fanden wir ein völlig mit Gras und Kräutern zugewachsenes Feld vor, auf dem kaum ein Krümchen Erde zu sehen war. Von der letzten Ernte standen noch die Stoppeln. Dieser Anblick ließ bei manchem den Mut sinken: Würde aus diesem verwilderten Acker jemals ein feines, braunerdiges Saatbeet für unsere Roggenkörner werden?

Anfang Oktober rückte der große Tag fürs Pflügen heran. Der Morgen war kühl, feucht und neblig. Vermummt in Regenjacken, mit Mützen und Handschuhen galoppierten 38 „Füchse“, „Rappen“ und „Schimmel“ erwartungsvoll aufs Feld.




Pflug und Zugseil wurden gerichtet und zwei Gruppen, die „Füchse“ und die „Rappen“, stellten sich ans Seil, um die erste, die schwerste Furche zu pflügen. Zu Anfang mochte kein Kind eine Pause einlegen – am liebsten hätten die „Füchse“ weitergepflügt, als die „Schimmel“ an die Reihe kamen, und die „Rappen“ wollten das Seil kaum wieder an die „Füchse“ übergeben.......

Nach zwei, drei Furchen flogen schon die Mützen, die Jacken und die Pullover an den Feldrand, die Backen wurden rot und röter, die Augen leuchteten, die Kinder lachten. Zum Schwatzen war weder Zeit noch Luft – wer am Seil viel sprach, konnte nicht kräftig ziehen und dabei brauchte es die ganze Kraft jedes einzelnen Kindes, um den Pflug voran zu bringen.

Bald wurden die ersten Regenwürmer entdeckt und von nun an liefen immer ein paar Retter und Sammler eifrig neben dem Pflug her.

Glatt und glänzend lagen die Schollen im Morgenlicht, herrlich war der Duft der frischgepflügten Erde. Immer wieder versanken die Kinderaugen im Anblick der aufbrechenden und vom Pflug zur Seite gelegten Erde.




Liebevoll streichelten die kleinen Hände über die glatte Oberfläche, nahmen die Erde in die Hand, rochen daran, befühlten und kneteten sie und ließen sie wieder zurück rieseln - genau so, wie es die Bauern seit Jahrtausenden getan haben und wie es heute immer weniger Bauern tun. Nur noch selten steigt heute einer vom Traktor, um „seine“ Erde in die Hand zu nehmen. Die Kenntnis um den Bodenzustand aus der unmittelbaren Begegnung heraus ist den meisten Bauern verloren gegangen.

Vier Tage lang pflügten die „Rappen“, die „Schimmel“ und die „Füchse“ . Dann waren 70 Furchen geschafft. Der rostige Pflug war blitzeblank geworden und jedes Kind kannte nun das Sprichwort. „Wer rastet, der rostet.“ Liebevoll und stolz säuberten die Drittklässler den Pflug und brachten ihn gemeinsam wieder in den Schulgarten zurück.

Konnte nun endlich gesät werden? Aber nein, die kleinen Körner brauchten ein ganz feines, weiches Saatbett!

Dafür kam nun die Egge zum Einsatz, die immer von fünf Kindern gezogen wurde. Es dauerte lange, bis der Gartenbaulehrer, Herr Lambert, die Erde für fein genug befand! Aber dann staunten die Kinder wieder, wie verändert der Acker nun vor ihnen lag: fort waren die breiten, groben Schollen und die tiefen Furchen; hier lag nun wirklich ein weiches, braunes Bett, in das sich die kleinen Körner hineinschmiegen konnten!

Im Klassenzimmer übten die Kinder fleißig die rhythmische Bewegung des Säens. Ein Spruch half ihnen dabei, Hände und Füße miteinander in Einklang zu bringen.

Und dann hängte sich Herr Lambert endlich den Säsack mit dem Saatgut um. „So wenige Körner nur?“ „Das reicht ja nie, um im nächsten Jahr Brot für die ganz Klasse zu backen!“

Die Kinder stellten sich schweigend entlang des Ackers auf und erlebten in tiefer Ehrfurcht das Bild des Sämanns:
das Hinschenken der Körner an Licht und Luft, das Niedersenken zur Erde und das neu Aufgenommen-werden. Die Kinder schwangen in der schönen Bewegung mit und begleiteten so den Gang des Sämanns.

Aber was eben noch so leicht aussah und was die Kinder im Klassenzimmer so eifrig geübt hatten, zeigte sich nun als eine Kunst, die es erst zu erlernen galt! Je nach Temperament fielen die Schritte zögernd, langsam und bedächtig oder eher stampfend, zügig und eilig aus. Manche Kinder warfen die Körner ganz flach und dicht vor sich hin, andere warfen die Saat hoch hinauf oder mit weitausladender Geste von sich weg.

Viel zu schnell waren alle Körner gesät. Die Kinder eggten sie sorgfältig ein. Von nun an lagen sie ganz in der Obhut der Elemente.

Schon recht schnell sprießten die ersten Keimlinge und wuchsen rasch. Gespannt verfolgten die Kinder das Wachstum.

Welche Entdeckung, als ein pfiffiger Drittklässler bemerkte, dass aus einem einzigen Keimpflänzchen auf einmal ganz viele Stängel gewachsen waren! „Das wird aber viele Ähren geben!“
„Und erst viele Körner!“ „Das reicht ja dann doch, um Brot für die ganze Klasse zu backen!“




Das Korn reifte - wie fast immer - in den Sommerferien. Im August kamen alle Kinder, die nicht weggefahren waren, zur Ernte. Streifen für Streifen mähte Herr Lambert mit seiner Sense. Die Kinder nahmen mit der Sichel die Halme auf, legten sie sorgfältig zusammen und banden sie zu fünfzehn schönen Garben, die sie zum Trocknen aufstellten. Nun konnte das Korn nachreifen.






Gleich zu Schulbeginn tönte es dann kräftig durchs Klassenzimmer:

„Schlag gut, triff treu
trenn Korn und Spreu.
Schlag fest, Gott gefällt’s,
fort Hülse und Spelz!
Fort Stroh, Gran, Dorn,
uns bleibt das Korn.
Hart ist was gut,
trägt Schlag und Rut.“

Dazu gingen die Kinder beim Dreschen des Kornes vor dem Gewächshaus im Kreis – und schlugen der Reihe nach auf die am Boden liegenden Ähren. Da hieß es, sicher den gleichmäßigen Drescherrhythmus finden, damit keines der Kinder zu Schaden kam.

Nach dem Dreschen sammelten die Kinder alle Körner ein. Aber: Wie sah das denn aus? Das sollten sie mahlen und verbacken? Mit all den Graanen, Steinchen, Erdklumpen und Unkrautsamen?? Unmöglich!

Die Kinder schafften verschiedene Siebe herbei. Sie schüttelten und bliesen, doch das Getreide war immer noch nicht rein genug:




An einem hellen, sonnigen Tag fuhr Herr Lambert die Windfege heraus. Fleißige Hände drehten die Kurbel, während das Getreide über verschieden große Siebe lief und unten tadellos sauber in den Sack rieselte.

2.5 kg Roggen lagen nun gereinigt da. Die Kinder mischten Weizen darunter, um ein besseres Backergebnis zu erzielen. Die Drittklässler wogen und maßen und lernten so, die Gewichtseinheiten kennen und anwenden.

Nun brachten kräftige Träger die vier schweren Elsässer Handmühlen ins Klassenzimmer und befestigten sie an Schultischen. Ein Kind musste immer auf der Tischfläche sitzen, damit der „Müller“ nicht im Schwung Mühle und Tisch umwarf. Schnell merkten die Kinder: Zum Mahlen braucht es Kraft, Ausdauer und Gefühl für den richtigen Schwung!

In jeder freien Minute waren die Mühlen belagert und einige Tage später war das ganze Korn gemahlen.

Am Backtag wog jedes Kind seine Portion Mehl in eine Schüssel ab. Nachdem sie Wasser, Salz und Hefe zugefügt hatten, kneteten 35 mehlbestaubte Bäcker fleißig ihren Teig. Bald erfüllte ein feiner Duft die Klasse, und obwohl alle Teige aus denselben Zutaten entstanden waren, fühlten sie sich ganz verschieden an. Da waren feuchte, trockene, krümelige, harte, klumpige, warme, kalte, geschmeidige, weiche und zerfließende Teige – in jedem steckte ein Stück des individuellen Bäckers darinnen.




Sorgfältig abgedeckt, bei geschlossenem Fenster, ruhten die Teige auf dem Fensterbrett. Hoffentlich würde der Backofen bald heiß genug sein! Ganz zappelig saßen die Kinder da, bis das erlösende „Es ist soweit!“ gemeldet wurde. Noch einmal überformten die Drittklässler ihre Brotlaibe und ritzten sie auf der Oberseite ein – dann ging’s zum heißen Ofen. Die Glut war schon ausgeräumt, das Einschießen musste schnell gehen – keine Zeit zum Rempeln oder Streiten!




Nun hieß es warten – zwanzig lange Minuten warten! In dieser Zeit schauten wir noch einmal gemeinsam zurück auf das ganze Jahr, das nötig gewesen war, um bis zum Backen zu kommen.




Und dann - noch einmal erwartungsvolle Gesichter vor dem Ofen. Die Ofenklappe ging auf, und mit Aaahs und Ooohs begrüßten die Kinder ihre Brote. Sie fanden „ihren“ Laib wieder und kaum einer kam „unversucht“ zu Hause an. Nichts schmeckt so gut wie ein frisches, selbstgebackenes Brot aus selbst angebautem Getreide!


 
 

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