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Eurythmie


In alten Zeiten lebte im Tanz nichts Zufälliges. Die Menschen ahmten in Tempeltänzen Sternenbewegungen nach und drückten in ihnen kosmische Gesetzmäßigkeiten aus.
So wie der ganze Kosmos aus Bewegung heraus entstanden ist, so muss sich auch beim Entstehen einer Pflanze, eines Tieres oder eines Menschen - Zelle für Zelle - aus einer Bewegung heraus eine Ordnung herstellen. Alle alten Tanz- und Bewegungskünste haben ihren Ursprung in der Nachahmung dieser Bewegungen, von denen sie sich heute losgelöst haben. Tanz ist subjektiv geworden.




Eurythmische Formen greifen die Gesetzmäßigkeit der kosmischen „Urbewegungen“ nun wieder auf. Sie sprechen damit diejenigen Kräfte an, die den menschlichen Körper gebildet haben. Es sind dieselben Kräfte, die den Körper in all seinen Funktionen am Leben halten, und immer wieder heilend eingreifen.




Wenn ein Mensch spricht oder singt, bewegen sich sein Kehlkopf und die Luft, in die er hineinspricht oder -singt, nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten.
In der Eurythmie werden diese Bewegungen, die sich für unser Auge unsichtbar vollziehen, mit dem ganzen Körper sichtbar gemacht.
So stellen die Schüler in der Lauteurythmie dar, was in den Lauten lebt, aus denen sich unsere Sprache gebildet hat. In der Toneurythmie stellen sie dar, was in den Tonintervallen lebt, aus denen eine musikalische Komposition aufgebaut ist.




Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Laut der Sprache und für jeden Ton eine bestimmte Gebärde. So wie es nicht gleichgültig ist, ob ein Mensch anstatt des Wortes „Topf“ das Wort „Kopf“ verwendet, so ist in der Eurythmie die Gebärde für das „T“ eine andere als die für das „K“. Solange diese Eindeutigkeit nicht außer Acht gelassen wird, ist der Mensch in seiner eurythmischen Gestaltung ebenso frei, wie er die Freiheit hat, ein Wort auf seine eigene Weise auszusprechen.




Wenn Jugendliche ein Gedicht oder ein Musikstück eurythmisch interpretieren, entspricht die darin enthaltene Stimmung unter Umständen überhaupt nicht ihrer eigenen Stimmung. Die Heranwachsenden lernen, ihr eigenes Empfinden außer Acht zu lassen und sich einer gegebenen Sache zu stellen.
Ohne Bewegung lässt sich kein Wille in die Tat umsetzen. Für Menschen, die verlernt haben, „sich in Bewegung zu setzen“, bleibt das Gewollte im Wünschen stecken. Eurythmie wirkt als ein Ausgleich zu den kränkenden, lähmenden Einflüssen unserer Zeit: An ihr können die Heranwachsenden ihren Willen stärken und sich nicht nur zu wünschenden, sondern zu sinnvoll wollenden und handelnden Menschen entwickeln.




Eurythmische Formen werden nicht nur mit dem Körper, sondern auch als geometrische Choreographien im ganzen Raum gebildet.
Die Schüler erleben dabei, wie viel Wachsamkeit und Rücksichtnahme aufgebracht werden muss, bis eine Form gemeinsam gelingt: Jeder Schüler nimmt wahr, wie er sich selbst und wie seine Mitschüler sich zum Raum und zueinander in Beziehung setzen. Bei der künstlerischen Aufführung kommt es auf jeden Einzelnen an, aber der Heranwachsende erfährt, dass „Recht haben“ nicht genügt, wenn eine Form in der Gemeinschaft gestaltet werden soll.
Eurythmie ist ein wesentlicher Bestandteil der Waldorfpädagogik und wird an unserer Schule vom Kindergarten an bis in die höchsten Klassen unterrichtet.




In ihrer therapeutischen Form findet die Eurythmie darüber hinaus erfolgreich als Heileurythmie Anwendung. An unserer Schule wird sie in Zusammenarbeit mit den Schulärzten in Einzelfällen da angeboten, wo sie Schülern helfen kann, körperliche und seelische Hemmnisse zu überwinden.


 
 

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