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Ein Puppenprojekt im Handarbeitsunterricht Die Handarbeitslehrerin Karin Leidinger erzählt aus der dritten Klasse:
Das Thema Puppenspiel und Puppe lebt schon seit meiner Kindheit in mir. Im Laufe meiner 20-jährigen Laufbahn als Handarbeitslehrerin an einer Waldorfschule, besuchte ich viele Puppenspielertagungen, die mich für meinen Unterricht inspirierten.
Aber was ist eigentlich eine Puppe?
Das Wort Puppe hat in der deutschen Sprache zwei Bedeutungen. Einmal wird damit ein Abbild der Menschengestalt gemeint und zum zweiten bezeichnet es einen Entwicklungszustand im Werdegang des Schmetterlings.
Die Puppe ist ein Spielzeug. Man kann wohl sagen, das Spielzeug eines Kindes. Andere Spielzeuge wechseln, sie kommen und gehen. Die Puppe bleibt. In allen Völkern und zu allen Zeiten spielten die Kinder mit Puppen. Die Puppe wird geliebt – oder gehasst. Sie wird gepflegt – und auch misshandelt. An ihr wird Hingabe geübt. Das Kind lernt an der Puppe das Geben. Ohne Puppen gäbe es sehr viel weniger Liebe in der Welt. Das Kind identifiziert sich mit seiner Puppe. Es schlüpft in die Puppe. Es verwandelt sie. Im Spiel mit der Puppe gibt es sich selbst auf, es wird selbstlos – es findet sich selbst. Es lernt spielend, sich selbst zu begegnen. Die Puppe hilft ihm bei dem Balanceakt seiner Persönlichkeitsentwicklung. Sie ist gleichsam die Balancierstange, mit deren Hilfe sich das Kind über manchen Abgrund wagen kann.
Bei der Entwicklung des Schmetterlings stellt die Puppe ein Stadium im Laufe seiner Verwandlung dar: Vom Ei über die Raupe zur Puppe bis zum ausgeschlüpften Schmetterling.
Im Jahr 2002 habe ich mich zum zweiten Mal mit einer dritten Klasse an das „Projekt Handpuppe“ gewagt. Schon in der zweiten Klasse hatten die Kinder ein Püppchen gestrickt, das sie sehr liebten.
Im Rahmen ihrer Handwerksepoche haben die 3.-Klässler den Klassenraum in eine Handpuppenwerkstatt verwandelt – mit Körben voller weißer und bunter Wolle und mit vielen Stoffresten aus Samt, Seide, Wolle, Baumwolle und Leinen, mit Fellen und Lederstückchen, mit Borten in Silber und Gold, mit Blüten, farbigen Bändern, Schleiern, Stickgarnen, Knöpfen und Perlen.
In einem lebendigen Gespräch mit den Kindern suchten wir verschiedene Handwerker und Märchengestalten aus, besprachen ihr Aussehen und ihren Charakter. Jedes Kind entschied sich für seine individuelle Puppe und malte sie auf ein großes Blatt Papier.
Dann begann das große Schaffen: Die 3.-Klässler formten mit weißer Wolle eine Kugel und stopften sie in eine Schlauchbinde, die sie an einer Seite verknotet hatten. Sie führten ein Pappröllchen ein, um die Puppe später mit den Fingern führen zu können, und nähten Trikotstoff über die gefüllte Schlauchbinde. Schon war der Puppenkopf fertig.
Von nun an waren die Phantasiekräfte der Kinder gefragt: Die 3.-Klässler mussten den richtigen Stoff und die entsprechenden Farben für das Gewand ihrer Puppe aussuchen. Dabei berieten sie sich gegenseitig - und so nahmen die Puppen bald Gestalt an. Die Köpfe bekamen Haare aus Wolle, Bärte, Augen und Münder.
Alle Kinder – selbst diejenigen, die sonst in der Handarbeit Schwierigkeiten hatten – arbeiteten mit großer Freude. Es entwickelte sich ein konzentriertes Miteinander in einer wunderschönen, frischen und gleichzeitig gesammelten Atmosphäre. Nach einigen Wochen entstanden sehr schöne Figuren: eine Hexe, mehrere Kasper und Räuber, eine Köchin, ein Schmied, einige Könige und Prinzessinnen, ein Mädchen und ein Zwerg.
Der Höhepunkt unseres Puppenprojektes war das Puppenspiel „Die Strickhexe“.
Wir erübten gemeinsam das richtige Führen der Puppen, und die Kinder schlüpften schnell – nicht nur mit den Händen, sondern mit ihrer ganzen Seele – in ihre Puppen hinein.
Für die Kulisse unserer Handpuppenbühne malte ich auf Seide ein Schloss und einen Wald. Die Kinder brachten viele Requisiten mit und bastelten ein Zauberbuch, einen Hexenkessel, ein Hexenhaus und die Zauberblumen.
Zehn 3.-Klässler waren an dem Spiel beteiligt, für das wir zwei Wochen lang übten. Zwei Schülerinnen spielten Flöte und Geige für ein Tänzchen. Die Kinder hatten sich tief mit ihren Rollen verbunden, als sie ihr Stück vor der ersten und zweiten Klasse aufführten. Jede Bewegung stimmte und man sah den Puppen an, dass sich durch sie hindurch starke Kinderpersönlichkeiten ausdrückten, die frei und ungezwungen spielten.
So hat sich in dem Puppenprojekt der dritten Klasse für mich erneut bestätigt, dass die Puppe ein künstlerisches Ausdrucksmittel ist, mit dem sich sowohl die Puppenspieler als auch die Zuschauer begeistern lassen.
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