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Hausbauepoche


Und was bauen wir dieses Jahr?
– eine Klassenlehrerin erzählt


Was bauen wir dieses Jahr? Das war die Frage meiner dritten Klasse. Wie will ich dieses Jahr bauen? Das war meine Frage. Vor allem wollte ich so bauen, dass die Kinder möglichst vielseitig und ausdauernd ins Tun kommen, dass sie von Anfang bis Ende im ganzen Prozess eingebunden sind, dass nicht die Eltern einen Großteil der Arbeit tun. Ein Wunschtraum? Mit 38 Kindern nicht zu realisieren? Und dann noch bei so einem Projekt?




Das Projekt: Ein sechseckiges Spielhaus in traditioneller Fachwerkbauweise – ausgemauert mit selbst hergestellten Lehmsteinen und Backsteinen, die Rückwand mit Holz verschalt. Standort: Auf dem Hügel hinter der Schule.




Manchmal werden Träume wahr – diesmal für die dritte Klasse: Der Himmel hatte ein Einsehen und ließ Sophias Papa, Herrn Wiemers, nach glücklich abgeschlossenem Architekturstudium noch ein wenig arbeitslos sein. Er übernahm die fachmännische Planung des Hauses und war dann über sechs Wochen lang fast jeden Tag an der Schule, um vormittags mit den Kindern zu arbeiten und nachmittags für den nächsten Morgen Vorbereitungen zu treffen.




Wie war das jetzt mit den Kindern?
„Was würdet Ihr Euch auf dem Schulgelände wünschen?“
„Eine Schaukel!“
„Eine Rutsche!“
„Ein Fußballtor“
„Ein Spielhaus!“
- Aha. Natürlich, ein Spielhaus! -
„Dann bauen wir doch eins!“

Ein Weidenhäuschen war schon in der zweiten Klasse entstanden, jetzt wollten sie „was Richtiges“ bauen!




Als allererstes brauchten wir einen Grundstein, das wussten schon einige Kinder. Es wurde ein saarländischer Grundstein: einer aus Sandstein. Jedes Kind durfte als kleiner Steinmetz dazu beitragen, dass er eine schöne und gerade Form bekam. Mit einem Kreuz verzierten die Kinder die Oberseite.




Der erste Spatenstich: noch ganz im Niemandsland, in der Mitte des gedachten Hauses gruben die Kinder ein Loch. Mit dem Grundsteinspruch und viel Zement senkten sie den Stein so tief ein, dass er einmal Teil des Fußbodens sein würde.

Das Haus ausmessen: In der vorvergangenen Rechenenpoche hatten wir die Maßeinheiten kennen gelernt und nun ging es ans Messen. In einem kleinen Vorgriff auf die 6. Klasse teilten die Kinder mit Hilfe der 12knotigen Zauberschnur und der gleichmäßigen 6er-Teilung des Kreises den Grundriss in Segmente – immer vom Grundstein aus, genau so wie es bei den Zimmerleuten früher Brauch war.




Nach Ostern wurde es dann richtig spannend: Die Kinder hoben das Fundament aus – 60 cm tief und 25 cm breit. Also exakt die Linien einhalten; nicht zu nah an den Rand treten! Vorsicht mit dem Spatenstiel – hinter dir schippt auch einer!

Die Eimerschlepper wollten abgelöst werden: ein Riesenbetonbrocken kam zum Vorschein und der Pickel musste beigeschafft werden; Hoppla, der Spaten brach ab! - dort drüben mussten noch Baumwurzeln abgehackt werden............

Im Laufe der Tage wurde für alle deutlich: Es geht nur wenn alle zusammenschaffen. Und alle schafften, da blieb keine Hand in der Hosentasche.

Dann kam der Tag, an dem der Betonlaster kommen sollte. Immer wieder reckten sich die Hälse im Klassenzimmer, bis endlich der erlösende Ruf kam: „Er kommt!“ Alle Kinder flitzten los – schnell umziehen und dann gucken, wie die 2,5 Kubikmeter Beton auf die Plane vor den Tischtennisplatten abgekippt wurden.

„Und das sollen wir alles den Hügel hoch tragen??“
Schnell stellte sich eine „Eimerkette“ auf, einige Kinder schippten den Beton in die Eimer, andere leerten die Eimer oben aus. Und alle wollten natürlich überall einmal drankommen.....




In der großen Pause strömten die neugierigen Schüler der anderen Klassen zur Baustelle und verteilten „kluge Ratschläge“. Sie bekamen gleich einen Eimer in die Hand gedrückt und plötzlich waren es ganz, ganz viele in einer herrlich dichten, wunderbar schwingenden Eimerkette.

Aber nach dem Pausenklingeln waren die Drittklässler wieder allein, die Arme wurden müde – so viele schwere Eimer bergauf zu schwingen ist anstrengend! Gerade als einige Kinder nicht mehr konnten, hieß es von oben: „Fertig! Geschafft! Vesperzeit!“

In der nächsten Woche machten sich die Kinder daran, die Lehmsteine herzustellen. Sie mischten Lehm, kleingehäckseltes Stroh und Wasser in großen Mörtelkübeln. Mit ihren Gummistiefeln stampften und vermengten sie die zähe Masse; als die Sonne herauskam, trauten sich die meisten Kinder, den Lehm auch barfuss zu stampfen. Was war das für ein herrlicher Spaß und wie warm wurden da die Füße! Bald stellten wir fest, dass der barfuss gestampfte Lehm-Stroh-Brei viel besser durchgearbeitet war und sich viel leichter verarbeiten ließ als der mit Stiefeln gestampfte.




Die Kinder drückten und kneteten die Lehmmasse in Holzformen und strichen sie darin sorgfältig glatt. Sie gruben immer wieder Lehm ab, schafften Strohhäcksel und Wasser herbei und hatten so alle Hände und Füße voll zu tun.

Die Arbeit mit dem Lehm ist reine Sinneswahrnehmung:
Erst kühl und grob, fremd und fest, wird der Lehm immer weicher, wärmer, anschmiegsamer und angenehmer für die Haut und formbar. So entstanden ganz nebenbei mit geschickten Fingern immer wieder schöne Figuren und Formen.

Bald hatten die Kinder 200 Steine auf die Trockenbretter gesetzt und konnten wieder ein bisschen die Schulbank drücken.




An den Balken arbeitete Herr Wiemers schon seit Wochen täglich mit je drei Kindern während des Hauptunterrichts: Exakt die Länge sägen, die Schrägen anbringen, Zapfen schneiden, mit dem Stechbeitel Löcher stemmen, bohren, messen, hämmern – alles das konnten die Kinder unter Anleitung selbst tun!




Dann kam der große Tag des Aufrichtens! Voll Stolz trug jedes Kind seinen selbst zugerichteten und mit Namen versehenen Balken zur Baustelle hinauf.
Die Kinder stecken die erste Wand am Boden zusammen. Diejenigen, die an den Balken dieser Wand mitgewirkt hatten, stellten sie mit Herrn Wiemers gemeinsam auf. Was für ein großer Augenblick! Alles passte genau – gute Arbeit!




So stellten die Kinder nach und nach „ihre“ Wände auf – und als alle standen, war endlich zu sehen, wovon wir immer gesprochen hatten:
das Fachwerkhaus!




Auf ganz unterschiedliche Weise nahmen die Kinder nun Besitz von ihrem Haus: Viele kletterten darauf herum, andere umarmten fest „ihre“ Balken, manche kehrten den Innenraum schon mal aus, andere unterhielten sich durch die Fenster. Wer durch die Tür kam, wurde freundlich begrüßt und immer wieder gingen Kinder mit großen, staunenden und stolz blitzenden Augen um das Ganze herum. „Das haben wir gebaut?!“

Der nächste Tag – unser Richtfesttag – hielt noch eine ganz besondere Überraschung für die Kinder bereit: Vom Umweltminister, dem die Kinder einen 5 Meter langen Brief gemalt und geschrieben hatten, erhielt die Schule „einen Zuschuss für das höchst förderungswürdige Projekt“ in Höhe von DM 500.

Das Dach wurde mit einem bunten Richtbaum geschmückt, die Kinder sprachen den Richtspruch, flöteten und sangen gemeinsam mit ihren Eltern. Nach einem zünftigen saarländischen Richtfestessen feierten alle zusammen bei Tanz und Spiel.

Über die ganze Bauzeit hinweg hatten die Kinder immer wieder erlebt, dass keiner ohne den anderen sein kann: Hatte ein Kind nicht exakt gestemmt, passten die Balken anschließend nicht aneinander und mussten nachgearbeitet werden; gab ein Kind beim Graben nicht acht, verletzte es ein mitarbeitendes Kind; drückten die Kinder den Lehm nicht sorgfältig in die Form, fehlten überall die Ecken und der Stein musste neu gemacht werden. Die Erwachsenen mussten gar nicht viel sagen:
Vieles korrigierte sich von selbst.




„Es wird ja unser Haus“ – dieses Gefühl wurde in den Kindern vom ersten Spatenstich an bei jedem Balken, jedem Stein immer kräftiger. Gerade die Drittklässler, die zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr die Welt als Gegenüber empfinden und in ihrem eigenen Ich Einsamkeitserlebnisse haben, machen eine grundlegende Erfahrung: Schritt für Schritt ein Haus bauen, mit allen Vorbereitungen, den mühevollen, geliebten und ungeliebten Tätigkeiten, mit Rückschlägen und Erfolgen, mit dem Gemeinschaftserlebnis Alle-wirken-zusammen – bis hin zum Aufrichten der Wände und des Daches und zum Ausmauern.... Türen und Fenster nicht zu vergessen! Da erlebt jedes Kind im Äußeren, was im Inneren seine Aufgabe für die kommenden Jahre ist: sein eigenes Haus zu bauen, in dem es zu Hause sein kann und von dem aus es sich der Welt öffnen und zuwenden kann.

 
 

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