Praktika
Wie finde ich meinen Platz in der Welt? Diese Frage gehört zu den prägendsten Herausforderungen, mit denen Jugendliche konfrontiert sind. Unsere Schule sieht es als eine ihrer zentralen Aufgaben, junge Menschen bei ihrer selbstständigen Auseinandersetzung mit der Welt zu begleiten und sie dabei zu unterstützen eine tragfähige Urteilskraft zu entwickeln. Aus diesem Grund ergänzen außerschulische Praktika das reguläre Unterrichtsangebot. Diese Praktika bieten den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln und aktiv mit der Welt in Kontakt zu treten. Der Fokus liegt auf der gemachten Erfahrung, den gewonnenen Einblicken ins Berufsleben und der ersten Berührung mit der Arbeitswelt. Zudem wird während eines jeden Praktikums ein Berichtsheft geführt, abschließend werden die Erlebnisse vor den Eltern und den Klassen präsentiert.
Handwerkspraktikum in der 9. Klasse
Am Ende der 9. Klasse sind die Schüler*innen aufgefordert, sich in der Nähe des Wohnortes einen Handwerksbetrieb zu suchen; die Palette reicht von Bäckerei über Elektrotechnik zu Tischlerei und Frisör bis hin zur Kfz-Mechatronik und weiteren Fachbetrieben. Wichtig bei der Wahl ist vor allem, dass eine aktive Mitarbeit möglich ist, denn diese wird über einen Zeitraum von drei Wochen von den Jugendlichen erwartet. Durch die eigene Tätigkeit entsteht das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden - eine Erfahrung, die der normale Unterricht nur selten bietet. Sie können durch die Mitarbeit und Beobachtung im Unternehmen erleben, wie der Arbeitsalltag aussehen kann. Das ist eine große Chance, um sich praktisch auszuprobieren und mit Berufstätigen ins Gespräch zu kommen. Dieses Praktikum bietet einen ersten Einblick in den Berufsalltag, die Anforderungen und die Bedeutung der Arbeitswelt. Von den Schüler*innen werden Engagement, Ausdauer, Zuverlässigkeit und die Fähigkeit, sich auf Vorgesetzte und Mitarbeitende einzulassen, gefordert.
Joachim Karsten
Landwirtschaftspraktikum in der 10. Klasse
Für drei Wochen arbeiten die Schülerinnen und Schüler auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, sie unterstützen bei der Stallarbeit, auf dem Feld, bei der Vermarktung - je nach der Besonderheit des jeweiligen Hofes.
Das Landwirtschaftspraktikum zu Beginn der zehnten Klasse kann ein großes und einschneidendes Erlebnis sein. Auf einem zuerst fremden Bauernhof mitzuarbeiten, alleine oder zu zweit, ist eine sehr große Herausforderung, in vielerlei Hinsicht. Weg von zu Hause, anstrengende, körperliche Arbeit, anderes Essen, unbekannte Dialekte, fremdes Bett, Gast sein, ein anderer Tagesablauf.
Von a wie abenteuerlustig bis z wie zögerlich sind im Vorhinein wohl die verschiedensten Gefühle vorhanden. Und auch im Nachhinein ist das Praktikum sehr vielschichtig. Es gibt viele Dinge, die man praktisch lernt: Wie bringt man eine Kuh dazu, sich zu bewegen? Wie viele Stunden Kartoffelernte kann man durchhalten? Auf was muss man beim Zaunbau achten? Wie melkt man richtig? Wie viele Tonnen Äpfel kann man mit vier Menschen in einer Woche aufsammeln? Daneben gibt es auch viele andere Ebenen: Wie mutig bin ich? Wie bringe ich mich am besten ein? Gehe ich offen auf die Menschen zu? Traue ich mich für meine eigenen Bedürfnisse gegenüber fremden Erwachsenen einzustehen? Halte ich es aus, dass es mir mal ein paar Tage schlecht geht und ich nicht meine vertrauten Ansprechpartner um mich habe?
Wann ist das Praktikum erfolgreich? Was hilft, um sich im Dschungel des Lebens als Erwachsener zurecht zu finden? Wenn sich Schüler*innen und Eltern auf das Landwirtschaftspraktikum einlassen, kann das ganze wie eine Heldenreise ablaufen: Der Held bzw. die Heldin erhält einen Auftrag und zieht los in die Ferne, muss Prüfungen bestehen, wird mit ihren Grenzen konfrontiert, hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, muss Beschwerliches oder auch mal Unangenehmes auf sich nehmen und aushalten. Wenn man es schafft, sich durch alle Unabwägbarkeiten durchzuarbeiten, kann man am Ende reich belohnt und mit einem innerlich errungen Schatz stolz nach Hause zurückkehren.
Manche Schüler*innen kommen auf einem Hof an und schon nach einem Tag ist es, als seien sie schon immer dort gewesen. Das Praktikum ist ihnen eine große Freude und sie hätten am liebsten eine Verlängerung. Andere kommen innerlich erst nach einer oder eineinhalb Wochen an. Manche verbringen die drei Wochen vor allem mit Vorfreude auf zu Hause und können den Schulalltag und die viele Freizeit neu wertschätzen. Aber alle kommen mit ihrem ganz eigenen Verlauf an Heldengeschichte zurück - und ein ganzes Stück gewachsen.
Kathrin Hessdorfer
Sozialpraktikum
Das Sozialpraktikum zum Ende der 11. Klasse ist gezielt auf die Förderung seelischer Kompetenzen ausgerichtet ist. Die Hinwendung zum hilfsbedürftigen Menschen steht für die sozial gereiften Schüler und Schülerinnen jetzt im Vordergrund. Durch die Mitarbeit in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Altenheimen, Sozialstationen, Einrichtungen für behinderte Menschen oder Kindergärten gewinnen sie Einsichten in andere Lebensbedingungen und Schicksalssituationen. Die Bedürfnisse anderer stehen im Vordergrund. Hierdurch lernen sich die Schüler*innen in der Auseinandersetzung mit anderen Schicksalen besser kennen, was zu einer neuen Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten führt. In der Auseinandersetzung mit solchen Erfahrungen erkennen sie sich zunehmend als Teil eines sozialen Ganzen und entwickeln ein ausgeprägteres Bewusstsein für soziale Zusammenhänge.
Joachim Karsten
