Vorstellung der Jahresarbeiten der 12. Klasse

Zwölftklässler der Freien Waldorfschule stellten ihre Jahresarbeiten vor

Bexbach. Wie passen denn bitteschön der Märchenkönig Ludwig II, die Verschmutzung der Weltmeere, GSG 9 und Muskellängenwachstum
zueinander? Eigentlich gar nicht. Uneigentlich aber schon, denn es handelt sich bei diesem heterogenen Quartett um Themen, die je ein Schüler der Freien Waldorfschule Saar-Pfalz für seine jeweilige Jahresarbeit wählte. Welche Vielfalt das bei 20 jungen Menschen generiert, darüber konnten sich die Gäste der öffentlichen Präsentation in der Schulaula nur wundern – und sich zugleich diebisch freuen. Denn kompakter bekommt man derart vielfältiges Wissen schwerlich irgendwo auf dem Silbertablett präsentiert: Mal eben an einem Abend den
geschichtlichen Abriss des Berliner Mauerbaus rekapitulieren, sich dem Artenrückgang widmen und von der Faszination Totenschädel anstecken lassen, über utopische Gesellschaften philosophieren und anschließend wundern, dass sogar Videospiele als Thema zugelassen wurden. Warum eigentlich? „Wir sind inzwischen relativ liberal, was das anbelangt“, bestätigte der betreuende Pädagoge, Joachim Karsten. „Problematisches Potenzial steckt  ja nicht unbedingt im Thema selbst, sondern in der Art der Bearbeitung.“ Wenn ein Zeitphänomen wie
Videospiele kritisch hinterfragt und sich ernsthaft damit auseinandergesetzt wird, dann sei das Ziel der Jahresarbeit mehr als erfüllt.
Jahresarbeiten selbst sind ein Spezifikum der Waldorfpädagogik. Sie gehören zum Waldorfabschluss am Ende der zwölfjährigen Waldorfschulzeit,  ebenso wie das Klassenspiel. „In jeweils unterschiedlicher Weise sind die Schüler hier aufgefordert, Reife unter Beweis zustellen“, erklärt Karsten. „In der Jahresarbeit wird nach einem persönlichen Anliegen der Schüler gefragt und nach der Fähigkeit, ein selbst
gewähltes Thema soweit bearbeiten zu können, bis ein abgerundetes Ergebnis erreicht ist.“
Ein ganzes Schuljahr haben die Jugendlichen Zeit, über ihr frei gewähltes Themas zu recherchieren, eine schriftliche Arbeit dazu anzufertigen – die bei manchem fast den Umfang einer Diplomarbeit zeitigt, etwa bei jenem Schüler, der 73 Seiten über Rapmusik verfasste.
Hinzu kommt ein praktischer Teil. Unter anderem wurde ein Schreibtisch angefertigt (Thema „Der Tisch“), eine Hose geschneidert („Mode  - Wer zahlt den Preis?“) und eine kleine Dampfmaschine („Industrielle Revolution“) gebaut. Als finale Herausforderung ist schließlich jeder Schüler verpflichtet, seine Recherchen und Ergebnisse in einem Vortrag öffentlich vorzustellen.
Karsten selbst faszinierte dieses Jahr insbesondere die Arbeit zur Entwicklung des europäischen Theaters, „vor allem die Intensität im praktischen Teil – einem ausgearbeiteten Monolog - und damit die „Erdung“ in der theoretischen Recherche“.  Herausheben möchte der Lehrer zudem die sorgfältige und ernsthafte Auseinandersetzung einer Schülerin mit „Bedrohter Artenvielfalt“. Und wer weiß, vielleicht erwächst bei dem einen oder der anderen ein Beruf aus diesem ersten intensiven Auseinandersetzen mit einem Leib- und Magen-Thema.
Etwa wie jener Schüler, der einst über physikalische Untersuchungen referierte und heute am Deutschen Elektronen-Synchroton in Hamburg in der Forschung tätig ist.

Anja Kernig

Die Jahresarbeiten sind eine Besonderheit an der Waldorfschule. Sie gehören zum Waldorfabschluss am Ende der zwölfjährigen Waldorfschulzeit ebenso wie das Klassenspiel. Die 12. Klasse wird nach den Herbstferien das Theaterstück "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt zur Aufführung bringen. Eine Projektfahrt bildet den Abschluss der 12. Klasse.

In jeweils unterschiedlicher Weise sind die SchülerInnen hier aufgefordert, Reife unter Beweis zu stellen: 

  • In der Jahresarbeit wird nach einem persönlichen Anliegen der Schüler gefragt und nach der Fähigkeit, ein selbst gewähltes Thema soweit bearbeiten zu können, bis ein abgerundetes Ergebnis erreicht ist. 
  • Das Theaterprojekt wird als ganze Klasse realisiert und kann nur gemeinsam gelingen, es bedeutet eine Art soziale Reifeprüfung.
  • Bei der Projektfahrt geht es um die Entscheidung, sich aktiv in ein soziales, ökologisches oder kulturelles Projekt einzubringen und im Rahmen einer abschließenden Klassenfahrt gemeinsam mit Partnern zu realisieren.   

Was bedeutet Jahresarbeit in der 12. Klasse?

  • Ausarbeitung eines frei gewählten Themas über den Zeitraum von einem Jahr 
  • Vorlage der Ergebnisse in schriftlicher Form, nach Möglichkeit auch ergänzt durch einen praktischen Teil
  • Präsentation der Arbeit vor Publikum im Rahmen einer Ausstellung und mit einem Vortrag